Überleben in einer komplexen Umwelt.
Wälder sind aus genetischer Sicht ein Sonderfall: Sie weisen eine deutlich größere Heterogenität auf als sonstige Pflanzen-Gemeinschaften der Kulturlandschaft, insbesondere die der agrarwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen.

Bäume sind extrem langlebig. Während ihrer Generationsdauer von einigen Jahrzehnten bis zu mehreren Jahrhunderten (Weißtannen können 500, Lärchen und Arven gar 1000 Jahre alt werden) sind sie zahlreichen Belastungen wie Frost, Dürre, Krankheiten und Schadstoffen ausgesetzt, was hohe Anforderungen an ihre Anpassungsfähigkeit stellt. Die evolutive Reaktion war die Ausbildung einer wesentlich größeren genetischen Vielfalt als bei anderen Pflanzen - und zwar sowohl in ihrem Heterozygotiegrad (der Anzahl mischerbiger Genorte im Erbmaterial der Individuen) als auch in der Diversität in den Waldbeständen.

Unter heterogenen Umweltbedingungen wird das Überleben von Populationen allerdings nicht in erster Linie durch einzelne Bäume gewährleistet, die sich als Träger bestimmter Merkmale in einzelnen Lebensabschnitten als angepaßt erwiesen haben. Vielmehr muß die jeweilige Population als Ganzes ein hohes Potential haben, auch die nachfolgenden Generationen mit genetischer Vielfalt auszustatten.

Ulrike Bleistein, Spektrum der Wissenschaft Oktober 1994