Wald ist mehr als die Summe der Bäume...

Wald ist das Miteinander und Füreinander von Pflanzen und Tieren, sichtbaren und unsichtbaren, jungen und alten auf engstem Raum wie auf großer Fläche. Wald ist selbst heute noch, wo fast alle Bäume unter der Säge sterben, ohne ihr Leben zu Ende gelebt zu haben, das letzte uns verbleibende Großsystem naturnaher Lebensabläufe. Wald ist um so mehr auch ein Ort auch für Menschen, je weniger sie ihn stören mit der Erntebesessenheit ihrer Ökonomen und der Maßlosigkeit ihrer Freizeitansprüche. Wald lehrt uns, daß Monotonie den Geist verdüstert und das Leben gefährdet: Nur der aus Laub- und Nadelbäumen gemischte, am selben Ort jung und alt gestufte Wald ist heiter und standhaft.

So verjüngt sich der Wald. Es sterben seine Individuen, sein Leben ist ewig. Mehr noch als sein Holz, mehr noch als die Atemluft, die er uns kühlt und säubert, das Wasser, das er uns filtert und bewahrt, die Stille, die er schafft und den Boden, den er festhält, brauchen wir seine geistigen Wohlfahrtswirkungen: den Wald nicht nur als grüne Menschenfreude, sondern als den Ort, an dem das uns verlorengegangene Naturmaß bewahrt wird.

Horst Stern u.a.: Rettet den Wald, Kindler, 1979